Zum Inhalt springen
Zurück zur Übersicht
Webdesign

Barrierefreiheit 2026: Was Schweizer KMU nach dem EAA jetzt prüfen sollten

Von eluma.chVeröffentlicht am Aktualisiert am 4 Min. Lesezeit

Barrierefreiheit ist von Randthema zu Betriebsrealität geworden

Seit dem 28. Juni 2025 gelten in der EU neue Anforderungen aus dem European Accessibility Act für bestimmte Produkte und Services. Dazu gehören unter anderem E-Commerce-Angebote und weitere digitale Services. Auch Schweizer KMU sollten das nicht als reines EU-Thema abtun.

Sobald ein Unternehmen digitale Leistungen in die EU verkauft, EU-Kundschaft bedient oder an betroffenen Plattformen, Shops oder Self-Service-Prozessen arbeitet, sollte Barrierefreiheit spätestens jetzt auf die technische Prioritätenliste.

Dieser Beitrag ist keine Rechtsberatung. Er ist eine pragmatische Einordnung für Unternehmen, die Websites, Portale oder digitale Verkaufsprozesse betreiben.

Was der EAA für digitale Angebote relevant macht

Die Richtlinie (EU) 2019/882 betrifft bestimmte Produkte und Dienstleistungen. Nicht jede Firmenwebsite, Buchungsseite oder jedes Kundenportal fällt allein wegen seiner Existenz darunter. Ob ein Schweizer Angebot erfasst ist, hängt unter anderem vom angebotenen Dienst, dem EU-Marktbezug und den gesetzlichen Ausnahmen ab.

Zu den erfassten Dienstleistungen gehören unter anderem:

  • E-Commerce
  • Bankdienstleistungen für Verbraucher
  • E-Books und die zugehörige Software
  • bestimmte digitale Angebote im Personenverkehr

Die Richtlinie nennt auch Ausnahmen, etwa bestimmte Archiv-Inhalte und Kleinstunternehmen, die Dienstleistungen erbringen. Die Einordnung hängt vom konkreten Angebot ab. Ein Kundenportal oder eine Buchungsseite ist nicht automatisch erfasst. Barrierefreiheit kann auch ohne direkte Pflicht die Bedienung verbessern.

Warum das auch für Schweizer KMU relevant ist

Es gibt drei praktische Gründe:

1. Barrierefreiheit reduziert Reibung für alle

Eine Seite, die per Tastatur nutzbar ist, klare Formulare hat, ausreichende Kontraste bietet und saubere Überschriften nutzt, hilft nicht nur Menschen mit Behinderungen. Sie hilft auch:

  • mobilen Nutzern
  • gestressten Kunden im Alltag
  • älteren Zielgruppen
  • Menschen mit temporären Einschränkungen
  • Suchmaschinen beim Verstehen der Seitenstruktur

2. Viele typische KMU-Probleme sind gleichzeitig Accessibility-Probleme

Was in Audits oft als "kleine UX-Sauberkeit" abgetan wird, ist in Wahrheit häufig ein Accessibility-Fehler:

  • Buttons ohne klare Beschriftung
  • Formulare ohne verständliche Fehlermeldungen
  • Klickflächen, die mobil zu klein sind
  • Text auf Bildern statt lesbarer HTML-Inhalt
  • modale Fenster, die sich per Tastatur schlecht bedienen lassen

3. Ein später Umbau ist teurer

Wenn Barrierefreiheit erst am Ende aufgesetzt wird, müssen Design, Komponenten und Inhalte oft doppelt angefasst werden. Wer sie früh in Navigation, Formulare, CTAs und Content-Struktur mitdenkt, spart Zeit und Diskussionen.

Die wichtigsten Prüfpunkte für 2026

Tastaturbedienbarkeit

Jede wichtige Funktion sollte ohne Maus erreichbar sein:

  • Navigation
  • Kontaktformulare
  • Filter
  • Warenkorb
  • Login
  • Buchungsstrecken

Wenn Nutzer in einem Popup oder Formular "steckenbleiben", ist das nicht nur unschön, sondern ein echter Nutzungsfehler.

Kontraste und Lesbarkeit

Viele moderne Websites sehen im Designfile sauber aus, verlieren aber in der Realität bei Sonne, auf Mobile oder für sehschwächere Nutzer. Prüfe:

  • ausreichenden Farbkontrast
  • lesbare Schriftgrössen
  • klare Fokus-Zustände
  • sinnvolle Abstände und Gliederung

Formulare und Fehlermeldungen

Kontakt- und Checkout-Formulare sind häufig die grösste Schwachstelle. Typische Verbesserungen:

  • jedes Feld hat ein sichtbares Label
  • Pflichtfelder sind klar markiert
  • Fehlermeldungen sind konkret
  • Fehler sind nicht nur farblich markiert
  • Absenden funktioniert auch mit Tastatur und Screenreader-Logik

Semantik statt Div-Bau

Saubere HTML-Struktur ist keine akademische Übung. Sie hilft Screenreadern, Browsern und Suchmaschinen. Eine solide Seite nutzt:

  • logische Überschriften-Hierarchie
  • Buttons für Aktionen
  • Links für Navigation
  • Listen für Listen
  • gut strukturierte Hauptbereiche

Medien und nicht-textuelle Inhalte

Wichtige Informationen gehören nicht ausschliesslich in Bilder, PDFs oder Videos ohne Alternativen. Wenn ein Angebot, ein Preislogik-Hinweis oder ein nächster Schritt nur visuell sichtbar ist, fehlt vielen Nutzern der Zugang.

Ein pragmatischer Start für KMU

Du musst nicht jede Seite gleichzeitig perfektionieren. Besser ist diese Reihenfolge:

  1. Startseite
  2. wichtigste Leistungsseiten
  3. Kontakt- und Lead-Formulare
  4. Checkout, Buchung oder Portal-Login
  5. wiederverwendbare UI-Komponenten

Danach lohnt sich ein zweiter Durchgang mit realen Tests auf Mobilgeräten, Tastatur und Screenreader-Basis.

Woran viele Unternehmen scheitern

Barrierefreiheit wird oft falsch eingeordnet:

  • als reines Design-Thema
  • als Pflicht nur für grosse Konzerne
  • als später Nachtrag
  • als Checklisten-Arbeit ohne Einfluss auf Conversion

In der Praxis ist sie näher an guter Produktarbeit als an Büro-Bürokratie.

Fazit

Der EAA hat das Thema beschleunigt. Für Schweizer KMU ist jetzt der richtige Moment, Websites, Shops und Portale nicht nur schöner, sondern robuster und zugänglicher zu bauen. Wer Barrierefreiheit früh mitdenkt, verbessert oft gleichzeitig Nutzerführung, Conversion und technische Qualität.

Wenn du eine bestehende Website oder ein Kundenportal überarbeiten willst, ist Website für Handwerksbetriebe ein guter Startpunkt. Für prozessnahe Oberflächen passt auch Mieterportal und Handwerkerkoordination.

Quellen und Einordnung

WCAG beschreibt technische Kriterien für Barrierefreiheit. Ob der EAA rechtlich greift, muss anhand des konkreten Angebots separat geprüft werden.

Teilen